Das kleine Grün und das Trauma

Lesezeit 4 Minuten –

Wir erzählen uns immer wieder unsere eigenen Geschichten, wieder-holen sie und verfestigen sie auf diese Weise. Wir reproduzieren eine Realität, die wir eigentlich lieber verändern würden. Was wäre, wenn wir die Geschichte umschreiben? Wenn wir sie auf eine andere Ebene transferieren und der  inneren Kreativität Raum geben, die Geschichte weiter zu ent-wickeln.

Beginnen wir zunächst mit dem, was uns Schwierigkeiten macht, mit dem, was wir eigentlich loswerden wollen:

1. Teil

Es war einmal ein kleines Mädchen, das mit 2 Jahren in den Kindergarten musste, weil ihre Eltern beide den ganzen Tag arbeiten mussten. Sie mochte den Kindergarten nicht und schon gar nicht das frühe Aufstehen. Sie wollte gerne auch mal zu Hause bleiben oder noch lieber bei ihrem geliebten Opa sein. Irgendwann hatte sie sich mit ihrem Schicksal abgefunden und machte das Beste daraus. Sie freundete sich mit den anderen Kindern an und zusammen spielten sie und erfanden Abenteuer – soweit das unter der herrischen Aufsicht der „Tanten“ überhaupt möglich war.

Eines Tages ging sie mit zwei Jungs hinter das Haus und sie zogen sich die Hosen herunter, um ihre Unterschiedlichkeit anzuschauen – vollkommen unschuldig, neugierig – wie nur Kinder sind. Eine der „Tanten“, die sie durch das Klofenster beobachtet hatte, war es ganz und gar nicht (nämlich unschuldig) und so schrie sie die 3 Kinder an, besonders das kleine Mädchen, das inzwischen 4 Jahre alt war. Sie rief die Eltern an, der Vater des Mädchens holte sie sofort ab, schimpfte laut und hässlich mit dem kleinen Mädchen, das gar nicht wusste, wie ihm geschah und einen veritablen Schock von dem Gebrüll bekam. Niemals hatte sie geahnt, dass ihr Spiel soo gefährlich sein konnte. Niemand stand ihr bei.

Der Schock an diesem Tag fraß sich tief in ihre Zellen hinein. Und noch etwas passierte an jenem Tag: sie mochte die beiden Jungs nicht mehr. Die waren schuld, dass sie so etwas Schlimmes getan hatte. Und sie musste ihrem Vater versprechen, so etwas nie wieder zu tun.

2. Teil

Es war einmal ein Grün, das jeden Tag zusammen mit anderen Farben in einen Topf geworfen wurde. Das Grün hatte nicht immer Lust dazu, es wollte auch einfach manchmal nur Grün bleiben. Doch es war noch klein und musste tun, was seine Eltern Gelb und Blau von ihm wollten. Meistens war Grün recht zufrieden zusammen mit den anderen Farben in einem Topf zu sein. Doch eines Tages wollte es den Topf zusammen mit zwei Rot verlassen und ein Abenteuer erleben. Sie wollten sich gegenseitig ihre schönen Pigmente zeigen.

Ihr aufregendes Abenteuer wurde durch das laute Getöse von Dunkelgrau jäh unterbrochen. Dunkelgrau hatte nicht nur die Aufsicht über den Farbentopf, sie war auch neidisch auf die vielen jungen frischen Farben, die so lustig vor sich hinspielten. Deswegen war ihr Getöse noch lauter geworden, woraufhin das kleine Grün und die beiden Rot ganz blass wurden und in diesem Moment einen Teil ihrer Leuchtkraft verloren. „Wenn ihr so weiter macht,“ brüllte Dunkelgrau sie an „dann werdet ihr noch ganz braun!“

Die Drei verstanden nicht richtig, was es zu bedeuten hatte „braun zu werden“. Sie kannten Braun von den Bäumen um sie herum. Was war so schlecht an Braun? Aber so wie Dunkelgrau sich aufführte, musste es ganz gewaltig schlimm sein, das war sicher!!! Zu allem Überfluss holte Dunkelgrau auch noch Blau dazu, der nochmals laut und heftig auf das kleine Grün einschimpfte, so dass vor lauter Blassheit kaum etwas vom Grün übrig blieb. Das kleine Grün verstand nur, dass es etwas sehr, sehr Schlimmes getan haben musste und dass es wohl extrem gefährlich sei, sich seine Pigmente zu zeigen! Von da an mochte es kein Rot mehr und hielt sich von denen lieber fern.

Als Grün etwas älter war und das Geschimpfe vergessen hatte, fing es wieder an, Rot ein bisschen interessant zu finden, auch wenn Blau es am liebsten weiterhin verboten hätte. Als Blau ging und nie wieder kam, stand für Grün die Welt offen und Grün nahm die Welt. Sie lernte viele Rot kennen. Einmal wurden sie sogar zusammen braun, wenn auch nur für kurze Zeit – aus dem Braun wurde ein wunderschönes leuchtendes Türkis, das Grün sehr liebte.

Jetzt ist Grün schon ziemlich alt und erinnert sich an das Geschrei von damals und besonders an das Blasswerden. Noch immer sind blasse Stellen in ihr übrig geblieben, die sie mit allen möglichen Farben versuchte zu überdecken. Doch andere Farben – das ist nicht sie.

Sie ist Grün. Nur Grün. Einfach Grün. Leuchtend Grün – voller Strahlkraft.


Schreibe deine Geschichte neu und das Staunen lässt nicht lange auf sich warten :-)))

Susanne Erçetin: Inspirationen und Wandlung https://www.einfach-su.de oder eine Email an [email protected]

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Susannne Ercetin
Susannne Ercetin

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