Vision des Herzens

Foto facebook Klavierkunst Davide

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Von Sabrina Gundert. Ich hatte keine Ahnung, wer er war und woher er kam, als ich ihn plötzlich hörte. Zuvor war ich eine Stunde Zug gefahren. Hatte viel geschrieben. Mir Gedanken darüber gemacht, wie weit ich meiner Vision folgen konnte, wie weit es sinnvoll war. Ob ich nicht manchmal doch lieber vernünftig werden, mich um das Geld kümmern, einen Plan machen sollte.

Ob ich wirklich so weit vertrauen durfte, auf mich, den Ruf in mir und die Vision einer Welt, in der Menschen sich erinnern an das, wofür sie hier sind, ihr Eingebundensein zwischen Himmel und Erde spüren, den tiefen Frieden, der daraus erwächst, und es wagen, einander wieder als Menschen zu begegnen.

Und dann stand er da. Davide Martello, dessen Namen ich erst viel später erfahren sollte, und sein Flügel, angehängt an ein E-Bike. Er stand da, mitten auf der Marktstätte in Konstanz am Bodensee, einem sonst eher trostlosen, fast baumlosen Platz, über den die Menschen vom und zum See hetzen, mit Einkaufstaschen, Plänen im Kopf, gesenktem Blick.

Doch heute war etwas anders. Oder: alles. In einem Kreis standen da Menschen um ihn, seinen Flügel und sein E-Bike, während seine Klavierklänge die Marktstätte fluteten. Die Zeit schien verlangsamt, die Menschen mit ihr, ursprüngliche Pläne nicht länger wichtig.

Ich hörte einen Mann neben mir zu jemandem sagen, der Klavierspieler hieße Davide, er spiele überall auf der Welt, vor allem auch an Orten, an denen Unruhen und Gewalt herrschten. Überall dort baue er seinen Flügel auf und spiele. Nur das.

So schloss ich die Augen, öffnete sie wieder, sah mich um. Meine eigene Einkaufsliste hatte ich längst abgehakt. Denn ich bemerkte, dass ich mitten in der Antwort auf all die Fragen stand, die mich die ganze Zugfahrt über begleitet hatten – und die mir inzwischen so fern erschienen.


Denn mit jedem Klang flog die Antwort über den Platz und schien zu rufen: Ja, es ist sinnvoll seiner Vision zu folgen. Ja, es ist unendlich wertvoll, an etwas Größeres zu glauben. Auch, wenn es manchmal idiotisch, unerreichbar, idealistisch oder weltfern scheint.

Und ja, es ist möglich, dass wir einander wieder als Menschen begegnen. Dafür braucht es nicht viel. Manchmal reicht ein Klavierstück im Nieselregen auf einem zugigen Platz aus. Um die Stille, das Leuchten und unser Verbundensein als Menschen wieder so greifbar zu erfahren.

Zurück zuhause sah ich noch ein Video. Das der Herzensfolger, einer Familie, die sich im Norden Nordwegens in einer Art rundem Glashaus ein nachhaltiges, naturverbundenes Leben geschaffen hat und damit der Vision ihres Herzens folgt.

Am Ende dieses Tages spürte ich, wie mein Mut zurückgekehrt war. Darein, zwischen verspäteten Bahnen, täglich neuen Kriegsschauplätzen und der Vorsteuerabgabe das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren: Meine Vision. Das, wofür ich stehe. Wofür ich gehe. Wofür ich hier und jetzt bin.

Und sie zu erinnern, vielleicht auch: sie erst einmal zu finden. Um sie dann in die Welt zu tragen und zu leben.

Sabrina Gundert

Sabrina Gundert

Zur Person: Sabrina Gundert begleitet Frauen dabei, ihr Leben bewusst zu gestalten, zurückzufinden in ihre Kraft und ein Leben zu leben, das sie tief erfüllt. Am Sonntag, 10. Juli 2016 lädt sie ein zum Tagesseminar „Wirf dein Herz ins Spiel“ in Konstanz am Bodensee. Am Samstag, 20. August 2016 zum „Tag der Verbundenheit“, ebenfalls in Konstanz. Zwei Tage, um einander wieder als Menschen zu erfahren, das Verbundensein miteinander zu spüren und gestärkt und genährt zurückzukehren in den eigenen Alltag. www.handgeschrieben.de

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