Krankheit und Gesundheit neu denken

gesundheit neu denken„Kein Mensch ist in irgendeinem Augenblick seines Lebens ganz krank oder ganz gesund. So wie der blaue Himmel sich wieder bewölken kann und umgekehrt, so hofft der erkrankte Mensch, dass sich sein gegenwärtig »bewölkter Zustand « mit Hilfe seiner unverletzten Kräfte wieder der Genesung zuwendet. Unser Leben verlangt in jedem Augenblick konkrete Verabredungen mit dem, was uns als Welt umgibt, und schleust auf diese Weise das Vergangene durch die Gegenwart in die erhoffte Zukunft. Leben ist immer dort, wo du bist.“

Die Kunst krank zu sein
Annelie Keil vermittelt in ihrem Buch „Wenn die Organe ihr Schweigen brechen und die Seele streikt“ kluge Denkansätze zum Thema Krankheit und Gesundheit jenseits des Gesundheitswahns allerorten: „Im Jahr 1843 verfasste der Medizinalrat Dr. Carl Gustav Carus, seines Zeichens Leibarzt seiner Majestät des Königs von Sachsen und Träger verschiedenster Verdienstorden, eine kleine Schrift mit dem Titel Einige Worte über das Verhältnis der Kunst, krank zu sein, zur Kunst, gesund zu sein. Um dieses Verhältnis geht es: nicht um einen Gegensatz zwischen Gesundheit und Krankheit, sondern um ihr komplementäres Verhältnis zueinander. Nur über die gemeinsame Bezogenheit auf Leben und die Lebendigkeit lassen sich beide neu denken. Mit Blick auf die vielen Gesundheitsschriften und Empfehlungen seiner Zeit (und meiner Meinung nach sehr aktuell) bedauert Carus die fehlende Beachtung des mindestens so wichtigen Zweiges der allgemeinen Lebenskunst: der Kunst, krank zu sein. In der Lebenskunst sieht Carus die höchste aller Künste, d. h. die Kunst … ein schönes, menschliches Leben auf reine, edle Weise und zum wahren inneren Glück und höherer, innerer Entwicklung der Persönlichkeit zu leiten und zu vollenden. In der Kunst, krank zu sein, soll es nach Carus nicht um die Kultivierung oder Verlängerung der Krankheit, sondern um die Fähigkeit gehen, die Krankheit anzunehmen und leichter zu ertragen, nach angemessenen Lebensregeln zu suchen, wenn das Schicksal eine Krankheit über den Menschen verhängt hat. Angesichts der zunehmenden Überheblichkeit der Medizin und ihrer Vision, Krankheit im Vorwärtssturm der Wissenschaften und der Höhenflüge der Technik letztlich abschaffen zu können, mahnt Carus weitsichtig und bis heute gültig.“

Krankheit verstehen lernen und der eigenen Gesundheit vertrauen
Wenn wir krank werden und Diagnosen wie Brustkrebs, Herzinfarkt, Depression oder Burnout bekommen, steht das Leben Kopf und vor einem biografischen Aufruhr. Die medizinischen Begriffe fliegen wie giftige Pfeile durch den Lebensalltag, besetzen Denken und Fühlen, erzeugen Zweifel, Angst oder Gleichgültigkeit. Auf unterschiedlichste Weise ruft das Leben um Hilfe und sucht nach Antworten, die die körperliche, geistige, seelische, soziale oder auch sinnstiftende Dimension des Geschehens verstehbar und aushaltbar machen könnten.

Der Mensch ist mehr als sein Befund!
Warum jetzt? Warum hier? Woher kommt die Krankheit, wohin geht sie? Wie unterscheiden sich die Geschichte der Krankheit und die Geschichte des erkrankten Menschen? – dies waren zentrale Fragen in der biografischen Medizin Viktor von Weizsäckers, mit denen die Experten aufgefordert waren, sich neben den pathologischen Befunden auf die subjektive Welt des Krankseins einzulassen, in der der Kranke lebt und leidet. Patienten fragen: Haben wir etwas falsch gemacht? Oder ist die Krankheit ein unvermeidbarer Schicksalsschlag oder gar eine Strafe wegen Ungehorsams? Der Mensch ist mehr als sein Befund! Nicht die Krankheit als medizinischer Sachverhalt, sondern das Kranksein, das Erleben der Krankheit rütteln den erkrankten Menschen wach, schenken ihm Einsichten und eröffnen Wege zu einer „neuen Gesundheit“, in die die Erfahrungen mit der Erkrankung eingehen.

© Julia Baier

© Julia Baier

Zur Person: Prof. Dr. Annelie Keil, Sozial- und Gesundheitswissenschaftlerin, ist seit 2004 emeritierte Professorin und ehemalige Dekanin an der Universität Bremen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Gesundheitswissenschaft und psychosomatische Krankenforschung, Biografie- und Lebensweltforschung sowie die Arbeit mit Menschen in Lebenskrisen, schwer kranken und sterbenden Menschen. Mitbegründerin u. Leitung des wiss. Weiterbildungsstudiums Palliative Care an der Universität Bremen; Mitglied im Vorstand der Stiftung der privaten Herz-Kreislauf-Klinik Lauterbacher Mühle; Mitglied Expertenkommission „Alter“ Bundes-zentrale für gesundheitlich Aufklärung. Umfangreiche Vortragstätigkeit, Radio- und Fernsehsendungen, ehrenamtliche Mitarbeit in unter-schiedlichen psychosozialen und Bildungsprojekten im In- und Ausland. www.anneliekeil.de

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